Mehr Männer in Kitas: Warum eigentlich?
2006 formulierte die Europäische Union das Ziel, den Anteil männlicher Erzieher in Kindertageseinrichtungen auf 20 Prozent zu erhöhen. Davon sind die meisten Einrichtungen jedoch noch weit entfernt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind in baden-württembergischen Kindertageseinrichtungen (einschließlich Horten) durchschnittlich 2,9 Prozent der pädagogischen Beschäftigten Männer. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 3,5 Prozent. Die regionalen Unterschiede in Baden-Württemberg sind groß: Im Donau-Alb-Kreis beträgt der Männeranteil in Kitas nur ein Prozent, im Kreis Freiburg dagegen 9,1 Prozent. Außerdem gibt es trägerspezifische Unterschiede. In Elterninitiativen arbeiten zum Beispiel im Schnitt zehn Prozent männliche Fachkräfte. Beim freien Träger Konzept-e für Kindertagesstätte gGmbH sind es bereits 14 Prozent.
Innovative Pädagogik: Raum für Vielfalt
"Ob ein Arbeitgeber für männliche Fachkräfte attraktiv ist, hat viel mit dem pädagogischen Konzept zu tun, das dort umgesetzt wird", vermutet Konzept-e-Geschäftsführerin Waltraud Weegmann. Innovative Lern-Konzepte, die Wert auf eine geschlechtergerechte Pädagogik legten, ließen mehr Raum für Vielfalt - bei Erzieherinnen und Erziehern sowie Kindern gleichermaßen. "Diese Pädagogik sieht man unseren Einrichtungen mit ihren Funktionsräumen, die um einen zentralen 'Marktplatz' gruppiert sind, bereits an.“ Im Rahmen der Aktion "Mehr Männer in Kitas", die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie dem Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union gefördert wird, wirbt Konzept-e als einer von bundesweit 16 Trägern in den nächsten drei Jahren mit einer Kampagne verstärkt für mehr Männer in der Frühpädagogik.
Geschlechterrollenübergreifendes Handlungsrepertoire stärkt Kinder
Damit rückt der Träger nicht nur für Jungen und Männer interessante, bislang vielleicht gar nicht in Betracht gezogene berufliche Optionen in den Blick. Auch die Kinder in den Einrichtungen profitieren. „Es ist wichtig, dass in der frühkindlichen Erziehung Frauen und Männer gemeinsam arbeiten, und zwar für Jungen ebenso wie Mädchen, denn im frühkindlichen Bereich fehlen moderne männliche Rollenvorbilder und Bezugspersonen für Mädchen und Jungen: Gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen führen häufig zu abwesenden familiären Vorbildern und die vorhandenen familiären Vorbilder müssen nicht unbedingt den Erwartungen an moderne männliche Rollenbilder entsprechen", heißt es in der vom Bundesfamilienministerium herausgegebenen Studie "Männliche Fachkräfte in Kindertagesstätten". Im Idealfall lernen Kinder durch ein gemischtes Team aus Pädagoginnen und Pädagogen und durch eine bewusste, geschlechtergerechte Pädagogik, vorhandene Geschlechterstereotype selbstbewusst zu durchbrechen und sich ein breites Repertoire an Verhaltensweisen und unterschiedlichen Fähigkeiten zu erschließen. Die Resilienzforschung, die erkundet, welche Faktoren Kinder befähigen auch widrige Umstände gut zu bewältigen, identifizierte es als einen stärkenden Faktor, wenn Kindern viele, auch geschlechtsuntypische Handlungsoptionen offen stehen. Um das auszubilden, hilft es Kindern, entsprechende Vorbilder zu haben. Mehr Männer in Kitas tragen jedoch nicht automatisch dazu bei, diese positiven Vorbilder zu liefern. „Unsere Kita-Teams müssen schauen, dass sie im Alltag nicht unreflektiert geschlechtstypisches Verhalten wiederholen, zum Beispiel indem ganz automatisch Frauen fürs Lieder singen und Männer fürs Fußball spielen zuständig sind“, gibt Waltraud Weegmann zu bedenken. "Der Umgang mit diesen Themen gehört daher in den Teamsitzungen immer wieder auf die Tagesordnung."
Links:
- "Männliche Fachkräfte in Kindertagesstätten – Eine Studie zur Situation von Männern in Kindertagesstätten und in der Ausbildung zum Erzieher“, Publikation zum Download auf der Website des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
- "Männer für erzieherische Berufe gewinnen: Perspektiven definieren und umsetzen“, Publikation zum Download auf der Website der Baden-Württemberg Stiftung




